Orthopädisches Belastungs-Brücken-Modell des muskuloskelettalen Systems im regenerativen Kontext
„Adäquate Belastung und Überlastung,
Therapie und Kombinationstherapie“
Auf jeden formativen Reiz eines Gewebes erfolgt eine Anpassungsreaktion. Solange die Intensität, Anzahl und Frequenz der Reize, die im bisherigen Leben aufgebaute Belastbarkeit unseres muskuloskelettalen Systems nicht überfordert, bleibt dieses System in seiner Homöostase.
In einem homöostatischen Zustand haben wir eine stabile Brücke unseres Bewegungsapparates.
In der Grafik soll Bild Nr. 1 diese gleichmäßig belastbare Brücke darstellen.
Erfolgen die Abfolgen der Reize, benannter Parameter in einer progressiv-adäquaten Form, können sich superkompensatorische Effekte einstellen, wie man sie insbesondere auch in der Trainingswissenschaft vielfach nachgewiesen hat.
Unser Körper wird durch differenziertes Training stärker oder schneller, ausdauernder oder beweglicher. Die Gewebe werden belastbarer.
In der Grafik zeigen die Bilder 4, 5 und 6 eine fortlaufende Verstärkung des muskuloskelettalen Systems. Die Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit der Gewebe steigen an.
Mit einer höheren Reizdichte muss nun zunehmend auf eine ausreichende Regenerationszeit Acht genommen werden. Die Belastungssteuerung ist im Sport eine große Herausforderung, da hohe Intensitäten mit einer hoher Reizdichte koagieren.
Beim Anfänger einer Sportart spielt die „Lebensleistung“ eine Rolle, insbesondere die Kindheit und Jugend, welche Gewebseigenschaften sich ausprägen konnten. Weitere Faktoren sind systemische Grunderkrankungen, Lebenswandel, Essgewohnheiten usw.
Ist die sportliche, berufliche oder freizeitliche Belastung schleichend höher als die Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit der Körpergewebe, treten erste Überlastungserscheinungen auf. In der Grafik wird dieses mit Bild 2 dargestellt.
Beispiel „Sehne“: Als Folge würde eine Sehne z.B. „härter“ (evtl. initial in der sog. Elastografie darstellbar), dicker und schmerzhafter.
In anderer etablierter Bildgebung könnte sich dieses initiale Stadium eventuell noch maskieren, oder es lassen sich nur kleine Hinweise einer Pathologie erkennen.
Unter weiterer Belastung können sich Proteoglykane (Eiweiße) einlagern und durch Wasserbindung eine sichtbare Konsistenz- und Formveränderung eintreten. In der Sonografie stellt sich die Sehne nun konvexer und hypoechogener (dunkler) dar. Wird die Sehne fortlaufend weiter belastet, schreitet der Ermüdungsprozess des Gewebes voran, es können sich Mikrorupturen bilden, die der Organismus zu reparieren versucht.
Das damit verbundene Einwandern von Gefäßen in das ansonsten gefäßfreie Sehnengewebe nennt man in der Medizin Neovaskularisation („Neugefäßbildung“).
An diese Gefäße sind freie Nervenästchen gebunden, denen man eine weitere Schmerzverstärkung zuordnet.
Diesen Zustand beschreiben wir in Grafik 3, in der das Bild symbolisch für eine fortgeschrittene Pathologie steht, ohne weiter zu differenzieren.
Es ist als Modell zu verstehen, nicht als strukturell-medizinische Beschreibung.
Grafik 3 umfasst im Modell (hier Beispiel „Sehne“), alle medizinisch definierten Stadien 1-3 einer Tendinopathie.
Ein mögliches, mehrstufiges Schema, nach genaueren bio-strukturellen Verletzungsphasen, hätte für die im Folgenden resultierenden Konsequenzen, keinen Mehrwert
.
Grafik 3 beschreibt in der konservativen Medizin und im regenerationsmedizinischen Kontext eigentlich keine Totalruptur einer Sehne, da zumeist eine operative Intervention notwendig würde. Das Modell ließe sich dennoch gleichermaßen verstehen. Nach einer OP könnte trotz einer Strukturreparation jedoch noch immer Belastungsbrücke 3 vorliegen.
Wie vorab für die Sehne beschrieben, verstehen wir im Modelldenken auch Regenerationsprozesse anderer Gewebsstrukturen, wie Knochen oder Muskulatur.
Analog zur Pathogien bei Sehnen, beschreibt Grafik 3 beim Knochen keine dislozierte Fraktur und beim Knorpel keinen Knorpelschaden mit ICRS Grad 4.
Weiter verzichten wir auf eine Differenzierung von peripheren oder zentralen Schmerzmustern („Schmerzen verstehen“ nach Butler und Moseley).
Bevor wir nun den Bezug zu realen klinischen Beispielen herstellen wollen, gehen wir das Modell noch einmal in abstrakter Form durch:
Unser Sportler Detlef Durchschnitt ist normal trainiert. Seine Belastungs-Brücke verfügt über eine Tragkraft von zwei Fahrrädern. Er trainiert zunächst zwei bis dreimal die Woche und betreibt Laufsport mit ausreichend Pausen zwischen den Einheiten.
Er ernährt sich ausgewogen, hat genügend Schlaf, gerade Beinachsen, passendes Schuhwerk und keine großen Ambitionen im Training. Sein System bleibt im beschriebenen homöostatischen Zustand.
Sein Nachbar Erwin Ehrgeiz überredet ihn nun zum Marathon.
Nachfolgend beschreiben wir zwei unterschiedliche Szenarien mit Detlef A und Detlef B, wie sich deren Training gestalten könnte :
Detlef A lässt sich durch die langjährige Erfahrung der Läuferin Vera Vernunft ausführlich beraten, nimmt sich 1-2 Jahre Zeit, um sein Ziel zu verwirklichen, macht eine Laufbandanalyse mit Schuhberatung und trainiert nach einem periodischen Trainingsplan.
Detlef A verbessert seine Belastungsbrücke kontinuierlich von zwei Fahrrädern, über Brücke 4 und 5, bis zur Brücke 6 (vier Fahrräder und ein Motorrad). Die schwarzen Pfeile symbolisieren hier die Kombinationen aus trainingsphysiologisch sinnvollen Komponenten. Aus Detlef Durchschnitt wird schließlich Detlef Dauerfit.
Detlef B rennt jede Einheit mit dem Lauf-Ass Erwin Ehrgeiz.
Detlef B merkt, dass das Training mit Erwin Ehrgeiz sehr anstrengend ist. Er trainiert zeitweise abends, schläft sehr spät ein, fühlt sich müde. Durch das häufige und intensive Training benötigt er viel mehr Nahrung als vorher. Er hat während und nach vielen intensiven und extensiven Trainingseinheiten Durst auf Cola, Hunger auf „Shots“. Er läuft zeitweise in seinen alten Schuhen und die neuen bestellte er sich im Internet, weil ihm die Zeit zur Beratung fehlte.
Seine alten Schuhe hatten eine Pronationsstütze, aber diese Funktion ließ in den letzten Monaten abnutzungsbedingt nach.
Bei den neuen Schuhen handelt es sich nun um „Neutralschuhe“.
Seit längerem stagniert seine Leistung, nachdem es am Anfang im gemeinsamen Training mit Erwin noch bergan ging; zuletzt wurde seine 5 km- -Testlaufzeit aber langsamer.
Morgens vorm Aufstehen misst er einen höheren Puls als vorher. Neuerdings schmerzen die Achillessehnen, es zieht am seitlichen Oberschenkel und er muss manchmal während des Trainings gehen und Erwin „ziehen lassen“.
Detlef B bekommt zunehmend Schwächen in seiner Belastungsbrücke, sie trägt zunächst noch ein Fahrrad und zuletzt keines mehr.
Aus Detlev Durchschnitt wird somit Detlev Dauerschlapp.
Detlev Dauerschlapp geht mit seinen Sehnenschmerzen nun sowohl zu einem Arzt, als auch zu einem Therapeuten. Beide verfügen über eine solide Berufsausbildung, haben jedoch wenig Erfahrung mit Sportlern. Es werden einige NSAR-Schmerzmittel verschrieben, eine dreiwöchige Sportpause verordnet, eine Überweisung für ein MRT ausgestellt, zunächst für die schmerzhaftere Achillessehne, später soll das Becken folgen. Nach den drei Wochen Sportpause ist endlich der MRT-Termin. Das Ergebnis hat leider wenig Aussagekraft, ein bisschen Verdickung der Achillessehne ist sichtbar, eigentlich so wie von außen auch. Man hat auch einen akzessorischen Knochen entdeckt.
Detlefs Therapeut stellte eine Auffälligkeit im Fußgewölbe fest. Detlef „proniert“ beim Laufen „über“. Dieses stellt sein Orthopäde ebenfalls fest und verordnet ihm zunächst Einlagen für den Alltagsschuh.
Nach dreieinhalb Wochen Pause nimmt Detlef das Training wieder auf, Schmerzen hat er im Alltag gar keine mehr. Das NSAR hat er nach 14 Tagen abgesetzt.
Sein Arzt stellt ihm im Falle eines Wiederaufflackern der Beschwerden Eigenblut-Spritzen in Aussicht, sowie fokussierte Stoßwellentherapie; sein Therapeut möchte in diesem Fall mit osteopathischen Techniken arbeiten und den Beckenstand korrigieren.
Welche Belastungsbrücke hat Detlef durch die dreieinhalb Wochen Pause erreicht?
Und was meint ihr wird das Resultat sein, wenn Detlef nun wieder mit Erwin Ehrgeiz zu trainieren beginnt?
Ja, ein fiktiver Fall ist etwas hypothetisch, aber am wahrscheinlichsten ist eine Verbesserung von 3 auf 2.
Damit wäre schnell beantwortet, was aus einem erneuten Training mit Erwin resultieren würde.
Welche Brücke könnte Detlef durch Eigenbluttherapie, Stoßwelle und Osteopathie erreichen?
Richtig! Detlef könnte am wahrscheinlichsten Brücke 1 erreichen!
Detlef Dauerschlapp wurde durch umfangreiche, schmerzhafte und kostenintensive Therapie wieder Detlef Durchschnitt, der er vor Trainingsbeginn war.
Er schielt noch immer neidisch auf Detlef Dauerfit.
Zum Glück ist Vera Vernunft nicht nur Läuferin, sondern auch Therapeutin und Ärztin…
Dieses war ein fiktives, plakatives Beispiel eines Verlaufes, den ich im realen Arbeitsalltag oft erlebe.
Um Belastungsbrücke 6 zu erreichen, sollte die Hauptaufgabe des Therapeuten oder Arztes in der Analyse der Entstehungsmechanismen von orthopädischen Problemen liegen. Natürlich dürfen bei klar ersichtlichen klinischen Bildern „Schnellschüsse“ zur Soforthilfe veranlasst werden, wie zum Beispiel eine Stoßwellentherapie-Einheit, eine manuelle Behandlung oder auch mal eine kurzfristige antientzündliche Therapie.
Aber der initiale Blick, der Hauptfokus und die Therapie MUSS die auslösenden Faktoren identifizieren. Dieses setzt IMMER eine größtmögliche aktive Beteiligung des Patienten voraus.
Die Therapie wird nicht mit „Pause“ gestartet, sondern mit „Beginn“. Die Belastungsbrücken 4,5 und 6 können nur durch formative Reize gebaut werden.
Therapeut und Arzt müssen genaue Wachstumsvorgaben geben, „welche Bewegung, wie und wie oft…“
Dieses benennen wir in der regenerativen und präventiven Medizin mit „Basistherapie“.
Wir müssen im Auge behalten, dass wir mit allen modernen medizinischen Verfahren nur die Belastungsbrücke wieder herstellen können, die vorher vom Patienten aufgebaut wurde (oft Brücke 3).
Für einen weiteren Stabilitätszuwachs benötigen wir die Trainingslehre, Ernährungslehre, Biomechanik und andere Bausteine. Auch dieses symbolisieren die schwarzen Pfeile.
Bevor aber eine oder zig Übungen helfen können, müssen die Problemauslöser abgestellt werden. 10 „gute“ Übungen können, die eine „schlechte“ nicht ersetzen. 10 gesunde Lebensmittel ersetzen ja auch nicht ein faules. Wir würden trotzdem krank werden.
Das zu identifizierende Lebensmittel könnte offensichtlich sein: „Salmonellen gefunden“, oder schwieriger zu ermitteln :“Laktoseintoleranz?“
Manchmal lassen sich in der orthopädischen Medizin die Problemauslöser leicht identifizieren (bei SAI: Hanteltraining in Schulterabduktion/ bei Tendinopathie der PS: Langhanteltraining mit Tiefkniebeuge etc.), oft muss der Alltag und die Freizeit jedoch akribisch „gefiltert“ werden.
Nach Wiederherstellung der ursprünglichen Belastungsbrücke wäre ansonsten ein Auftreten von Rezidiven möglich oder gar sehr wahrscheinlich.
- Reale klinische Beispiele folgen -